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2018-04-01 Christliche Gewerkschaften gründen Frauensekretariat

von Egbert Biermann: Am 1. April 1918 begann Christine Teusch als erste Leiterin ihre Arbeit Die Gründe für ein Frauensekretariat Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Erwerbtätigkeit von Frauen zu. Nicht nur in „klassischen Frauentätigkeiten“ sondern auch in der Industrie. Schon 1895 waren 25 Prozent der Erwerbspersonen Frauen. Bis 1907 erhöhte sich ihr Anteil auf 31 Prozent und 1925 auf 34 bis 1933 auf 36 Prozent. Nicht nur der Anteil erhöhte sich, sondern auch die absolute Zahl erwerbstätiger Frauen stieg schneller als die der Männer. Waren 1895 insgesamt rund 5,3 Millionen Frauen beschäftigt waren es 1925 fast doppelt so viele (+ 97%), nämlich rund 10,4 Millionen. Zum Vergleich die Daten für die Männer: 15,5 Mio. 1895 und 20,5 Mio. 1925, eine Steigerung um rund 32 Prozent. Entsprechend dieser Entwicklung nahm ebenfalls die Zahl der weiblichen Gewerkschaftsmitglieder zu und der Wettbewerb der Richtungsgewerkschaften um die Mitgliedschaft von erwerbstätigen Frauen auch. Waren 1907 nur sechs Prozent der Mitglieder der Christlichen Gewerkschaften weiblich, betrug ihr Anteil 1917 schon 15 Prozent. Diese beiden Entwicklungen waren Gründe dafür, ein eigenes Frauensekretariat zu eröffnen. Zwei Frauensekretärinnen: Im Einsatz für die Frau – Brücke zwischen Weimar und Bonn Mit Christine Teusch (* 11.10.1888, † 24.10.1968) wurde eine junge Frau zur Leiterin bestellt. Adam Stegerwald förderte Christine Teusch, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit zu den Christlichen Gewerkschaften gestoßen war. Nach einer Ausbildung als Lehrerin und einer entsprechenden Tätigkeit, die sie auch dazu führte, als eine der ersten Frauen die „Rektorenprüfung am Königlich-Preußischen Provinzialschulkollegium in Koblenz“ abzulegen, bewarb sich Christine Teusch 1917 um eine Tätigkeit bei einer „Frauenarbeitsnebenstelle“, die während des 1. Weltkrieges in der Rüstungsindustrie eingerichtet wurden. Sie war unter anderem „in Essen dafür verantwortlich, die Arbeitsverhältnisse in den Krupp-Werken zu kontrollieren und die Arbeit in den Rüstungsfabriken insbesondere für die Frauen erträglicher zu machen.“ Nach der Übernahme des Frauensekretariats kamen weitere Karriereschritte, die sie aufgrund ihres Einsatzes und ihrer Kompetenz und der Unterstützung von Adam Stegerwald ging. Nach ihrem Beitritt zum Zentrum und der Wahl in die Nationalversammlung etablierte sich Christine Teusch als Sozialpolitikerin und verteidigte ihr Abgeordnetenmandat im Reichstag bis 1933. Während des Nationalsozialismus wirkte sie in kath. Verbänden und wurde von der Gestapo verfolgt. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 „wurde sie in Schutzhaft genommen und entging im Frühjahr 1945 nur knapp der Ermordung.“ Nach der Befreiung wirkte sie in Nordrhein-Westfalen vor allem als Kultusministerin. Im Oktober 1925 übernahm Mina Amann (* 31. Dezember 1893, † 13. September 1966) das Frauensekretariat. Sie wurde die letzte Frauensekretärin, die bis zur Auflösung für die christliche Gewerkschaftsbewegung arbeitete. Danach eröffnete sie einen Tabakladen und wirkte im Widerstand mit. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs arbeitete sie bei der Gründung der Gewerkschaften mit. Sie gehörte dem Gründungsvorstand des FDGB an. Doch aufgrund der Entwicklung ging sie wie Jakob Kaiser in die Bunderepublik. Sie wurde Geschäftsführerin des Adam-Stegerwald-Hauses in Königswinter (1948 bis 1960) und war bis 1966 Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der berufstätigen Frauen in der CDA und arbeitete Im CDA Bundesvorstand mit. Weimarer Gewerkschaften: Männlichkeit dominiert trotz des Fraueneinsatzes „Betrachtet man zunächst die weibliche Repräsentation auf Kongressen und in Gewerkschaftsgremien als eine Möglichkeit, Fraueninteressen vorzutragen, und die Anzahl der weiblichen Mitglieder als eine mögliche Machtressource, dann hatten die Frauen in den deutschen christlichen Gewerkschaften größere Einflussmöglichkeiten als die Frauen im ADGB und in der LO. In keinem der drei Gewerkschaftsbünde waren Frauen jedoch gemäß ihrem Anteil an den Gewerkschaftsmitgliedern repräsentiert. Dies bedeutet, dass sie nicht nur aufgrund ihres niederen Anteils an der Gesamtmitgliedschaft weniger Einfluss hatten, sondern auch, dass sie nicht einmal gemäß ihres Anteils in den Entscheidungsgremien vertreten waren.“ Auch wenn die Gewerkschaften Frauenthemen aufgriffen, wirkten im Hintergrund doch die männlichen Interessen. In ihrer Studie zur Erwerbstätigkeit von Frauen beschreibt Silke Neunsinger, wie männlich dominiert alle Gewerkschaften waren, auch wenn der ADGB sich gegen ein Arbeitsverbot für verheiratete Frauen aussprach, der DGB ein solches aber forderte, was dem damaligen kath. Familienbild und Eheverständnis entsprach. Indem zwischen unverheirateten und verheirateten Frauen unterschieden wurde, was bei verheirateten und unverheirateten Männern nicht geschah, wurde versucht, den Arbeitsmarkt zu entspannen. „Auf diese Weise wurden die Interessen der Frauen gegeneinander ausgespielt und zur Unterordnung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt genutzt und damit auch zur Umformulierung der Geschlechterverhältnisse. Gerade die Gegensätze zwischen den unterschiedlichen Fraueninteressen wurde in beiden Ländern (Deutschland und Schweden) genutzt und dürfte aufgrund der strukturell bedingten Interessensunterschiede ein Phänomen in allen industrialisierten Ländern gewesen sein, die einen gesetzlichen Unterschied in Bezug auf die Rechte von verheirateten und ledigen Frauen machten.“ Im Blick auf die Geschichte nach den Notwendigen für heute und morgen suchen Aufgrund der handelnden Frauen wie Christine Teusch und Mina Amann gab es in der Frauenpolitik der CDU und der CDA eine Verbindung zwischen der Weimarer Republik und der jungen Bundesrepublik. Auch heute nach hundert Jahren sind die unterschiedlichen Bedingungen von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt nicht gänzlich angeglichen. Manches haben Frauen den Männern schon abgerungen und dadurch auch zu anderen männliche Sichtweisen beigetragen, wenn auch das männliche Handeln sich noch langsamer wandelt. Die Blicke auf die vor hundert Jahren gegründeten Strukturen können ein Anlass sein, sich die damalige Arbeit und die handelnden Personen in Erinnerung zu rufen und danach zu fragen, was heute und morgen erforderlich ist, um eine partnerschaftliche und gleichberechtigte Arbeits- und Familienwelt zu gestalten. Welche Chancen bietet der Koalitionsvertrag, was aber muss auch heute noch für die kommenden Legislaturperioden neu gedacht und in den Meinungsbildungsprozess eingebracht werden. Der Dialogprozess für ein neues CDU-Grundsatzprogramm könnte hierzu wichtige Beiträge leisten.

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